1x Bäcker und zurück – Teil IV

Die Probetage sind fixiert und nach einer Woche ging’s auch schon los, mein erster Probetag in Bäckerei Nr. 1:

Dienststart war um 2:30, d.h. ich habe versucht um 20:15 schlafen zu gehen. Für jemanden der es gewohnt ist zwischen 22:00 und 24:00 ins Bett zu gehen, eine Qual. Im Endeffekt habe ich mich wie blöd im Bett hin und her gewälzt und bin immer nervöser geworden, weil ich einfach nicht einschlafen hab können. Den normlen Tagesrhythmus zu zerstören ist gar nicht so leicht. Das große Wunder, als in der Früh der Wecker geläutet hat, ich war nichteinmal großartig müde, der einzige Gedanke: Anziehen und los!

Die Bäckerei bei der ich meine ersten 3 Probetage verbracht habe, ist am anderen Ende von Wien. Das war schon einmal das erste Hindernis. Öffis fahren um diese Uhrzeit eher selten, also was tun? Taxi! Ist teuer, aber ich wollte kein Risiko eingehen. Im Endeffekt bin ich also in aller Herrgottsfrüh im Taxi zu meinem ersten Tag in der Bäckerei gefahren.

Endlich dort, schnell in die passende Kleidung geschmissen und ab in die Backstube. Dort war schon ordentlich was los. Lieferanten, Bäcker, Konditoren, alle mitten in der Nacht eifrig am werken. Wahrscheinlich bin ich mit offenem Mund mitten im Hof gestanden. Das ganze war ordentlich surreal und ich war total geflasht ein Teil davon zu sein. Wie in eine Parallelwelt abzutauchen. Alles schläft, aber man selbst ist am werkeln.

Zu Beginn hab ich mich in dem Ameisenhaufen fast ein wenig verloren gefühlt. Als ich mich gemeldet habe, bin ich direkt zur Station Plundergebäck verfrachtet worden. Dort waren 3 Bäcker am Werk, die Golatschen, Kipferl, Brezerl und Co fabriziert haben.

Von außen hat die Bäckerei bzw. der Verkaufsraum so klein ausgeschaut, dass ich am Anfang geglaubt hätte ich bin am falschen Ort. Bei meinem Vorstellungsgespräch habe ich anscheinend nur die Konditorstube gesehen, und vollkommen übersehen, dass der Gebäudekomplex noch wesentlich größer ist.
So ist das nunmal, wenn man sich das Bäckerleben nur vorstellt, aber keine Ahnung davon hat. Spätestens nach ein paar Sekunden hätte mir nämlich auffallen sollen, dass in diesem kleinen Raum keine Öfen stehen.

Der Empfang meiner 3-Mann-Truppe war herzlich. Davor hab ich nämlich auch noch ein bisschen Schiss gehabt. Wie reagieren die Leute auf mich? Ich bin ein relativ alter Lehrling und ich habe studiert. Wohl eine eher seltene Kombination in der Backstube.

Wie sich herausgestellt hat, war ich im Bäckerseniorenbetrieb. Der Vorarbeiter war ein junger Spund der seit max. 2 Jahren seine Gesellenprüfung abgelegt hat und die beiden anderen Bäcker, haben hier noch Altersasyl bekommen. Beide standen kurz vor der Pensionierung.

Hinten bei den Öfen war der Ton wohl etwas rauer. Zumindest war der Geselle der auf dem Weg zum Kühlraum an uns vorbeigekommen ist ziemlich griesgrämig, mit derben Sprüchen im Gepäck. Mich haben die meisten nur neugierig beäugt, aber direkt mit mir geredet hat am Anfang noch keiner.

Nachdem ich für ein paar Minuten fleißig in der Gegend herumgestanden bin, hab ich mich auch schon ins Getümmel gestürzt. Die Kollegen haben mir alles ganz toll erklärt, sodass ich gleich meine Hände im Teig gehabt habe und fleißig Topfengolatschen zusammengefaltet habe.

Das Falten und Bestreichen war weniger das Problem, dafür aber die vollbeladenen Tabletts von a nach b transportieren. 60 Topfengolatschen auf einem Blech haben nämlich ein ordentliches Gewicht. Zum Glück haben meine Kollegen erkannt, dass ich Muskelmäßig ein Lulu bin und waren immer zur Stelle, wenn ein Blech ausgetauscht werden musste. [Zum Glück, das hätte auch ganz leicht in die Hose gehen können. Lalala…]

Um 12:00 war dann Schluss und ich komplett fertig. Ohne Pause haben wir durchgearbeitet und ich habe mich körperlich so sehr wie schon lange nicht mehr anstrengen müssen.

6kg Teigberge von der Arbeitsfläche in die Waage und wieder zurück hieven, immer voll konzentriert und aufnahmefähig sein und wenn ich an den Behälter mit dem Dotter zum Bestreichen denke. Allein der hat locker 1.5kg gehabt.

Vollkommen erschöpft bin ich zu Hause auf die Couch gefallen und hab mich von dort bis am Abend nicht mehr wegbewegt. Meine Fußsohlen haben gebrannt, mein Rücken hat mir wehgetan, und meine Arme habe ich kaum mehr hochheben können. Ich glaube ein geschlagener Hund hätte sich nicht anders gefühlt.

Jetzt noch ein wenig schlafen und dann geht’s wieder los.

Alles Liebe
Eure LaGusterina

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8 Antworten zu “1x Bäcker und zurück – Teil IV

  1. Puh, das hab ich mir aber nicht so anstrengend vorgestellt, das Leben als Bäcker! Beim Lesen spür ich regelrecht die Anstrengungen des Bäckerlebens – schon komisch, wie einfach man sich anderer Leute Berufe immer so vorstellt.

    Liebe Grüße
    Nadja

    • Da stimm ich dir zu. Man weiß zwar dass es kein leichter Beruf ist, aber dass es körperlich doch so herausfordernd ist, hab ich erst realisiert, als ich dann tatsächlich dort gestanden bin. Aber jetzt weiß ich gutes Brot vom Bäcker umso mehr zu schätzen! 🙂

  2. Ein Tipp zum Einschlafen: Sag dir einfach, wenn du nicht schlafen kannst, dann ruhst du, das hilft dem Körper auch. Ich hatte während meiner Bäckerlehre fürchterliche Schlafstörungen und hab mich immer nur noch mehr verrückt gemacht. Wenn man seinen Körper zum Schlaf zwingen will, wird alles nur schlimmer. Und an die körperliche Arbeit gehst du richtig ran, indem du es als Workout siehst. So leicht, wie auf arbeit, würde es dir im Fitnessstudio nie fallen, all die Gewichte zu bewegen. Ist doch toll, wenn man durch die Arbeit auch noch fit wird. 😉

    • Ui eine richtige Bäckerin! 🙂 Es ist dann auch besser geworden, aber im Sommer schlafen wenns hell und heiß ist, ist echt nicht so leicht!
      Mit dem Workout stimm ich dir absolut zu, die Arbeit ist das perfekte Ganzkörpertraining! So kaputt ich auch war, so befriedigend wars auch. Ganz anders als den ganzen Tag vor dem Bildschirm zu sitzen.

  3. Ich bin so gespannt wie’s weitergeht 🙂 Nicht nur, dass es inhaltlich voll interessant ist (vielleicht, weil ich mir auch selbst grad über meine berufliche Zukunft nicht so richtig sicher bin), du schreibst auch einfach so gut. Ich warte auf den nächsten Teil und google in der Zwischenzeit Topfengolatschen…Liebe Grüße, Ines

    • Haha, jaja die Topfengolatschen. Ich rat jetzt mal und sag Quarktaschen?
      Freut mich auf jeden Fall, dass dir die Serie gefällt. Bin selbst ganz überrascht, was da beim Schreiben so alles zum Vorschein kommt. Schließlich ist dieses kleine Selbstexperiment ja schon wieder ein Weilchen her.
      Natürlich würds mich auch bei dir interessieren, in welche Richtung würdest du denn in der Selbstständigkeit gehen?

  4. ach…;-)… also bei mir ist es so, dass ich eigentlich kurz davor bin meine promotion zu beginnen, mir aber doch nicht so richtig sicher bin, ob das alles wirklich das richtige für mich ist und ob ich nicht auf dauer doch eher der praktische typ bin. ich hab heilpädagogik und rehawissenschaften studiert und war/bin viel im freizeitbereich unterwegs. mein traum wäre dann selbständig inklusive freizeitaktivitäten für kinder, jugendliche und familien anzubieten. ich tu mich sehr schwer damit mich festzulegen, denn ich merke jetzt schon, dass man es in der praxis sehr schwer hat, wenn man einmal die wissenschaftliche richtung eingeschlagen hat…naja, kommt zeit, kommt rat 😉

  5. Respekt, dass du diese Ausbildung versuchen willst. Ich habe sie gerade hinter mir und kann dich nur warnen… Niemals würde ich einem Menschen diesen Beruf empfehlen.

    Nach dem Abi hatte ich ganz ähnliche Gedanken wie du, zuhause hatte ich auch schon selbst Brot gebacken und es hat Spaß gemacht. Irgendwann kam die Idee: Warum nicht? Ich wurde oft gewarnt, aber war euphorisch genug, nicht darauf zu hören.
    Nach einem zweiwöchigen Praktikum hab ich dann die Ausbildung in einem kleinen Bio-Familienbetrieb begonnen. Das hab ich für genial gehalten, ein Traum schien wahr zu werden. Aber das lag daran, dass einer der Bäcker auf mich aufgepasst, mich beschützt und mir geholfen hat, ohne dass ich das Ausmaß seiner Fürsorge bemerkt habe. Nach 9 Monaten hat er den Betrieb gewechselt und auf einmal brach die Hölle über mich herein…
    Teamwork war auf einmal ein Fremdwort, alle waren gegeneinander, nichts lief mehr. Der Chef hat sich einen Dreck gekümmert. Wir haben uns totgeackter weil sich keine neuen Mitarbeiter gefunden haben, immer 10-11 Stunden. Lieferungen von 750-1.000 kg hab ich oft alleine annehmen und verräumen müssen (als Frau). Gleichzeitig wurden mir sexistische Sprüche um den Hals geworfen. Die Hitze auf der Arbeit war mörderisch, wir hatten viel zu wenig Platz und die meisten Maschinen waren fast kaputt.
    Durch die heftigen Arbeitszeiten wurde ich komplett isoliert. Ich bin für die Ausbildung in eine andere Stadt gezogen und lernte niemanden kennen weil ich immer schlief wenn andere was unternommen haben. Überhaupt, im Nachhinein war die Müdigkeit das Schlimmste für mich. Das immer müde sein, selbst wenn du gerade aufgewacht bist. Du schleppst dich durch den Tag, hast zu nichts Lust, hast auch zu nichts Zeit weil du ja bald schlafen musst. Ich hatte nicht nur kein soziales Leben mehr, ich hatte überhaupt kein Leben. Meinen geliebten Sport musste ich extrem reduzieren und wenn ich mal trainieren konnte waren die Ergebnisse miserabel weil ich müde und unkonzentriert war. Ich hab zugenommen weil ich nur Junkfood gegessen habe um keine Zeit für Kochen zu verschwenden. In meinem Kopf hat immer eine Uhr getickt.
    Thema Berufsschule… Hoffnungslos. Ich bin dort DÜMMER geworden. Die Leute sind größtenteils eine Katastrophe: Hauptschüler, die nichts besseres gefunden haben. Lehrer, die pädagogisch keine Ahnung haben und mit leerem Blick Beschäftigungstherapie mit dir machen. Schule hat mich auch immer müde gemacht… Es war so anstrengend, das zu ertragen. Du wirst dort nicht gefördert. Aus mir hätte man eigentlich was machen können, ich war engagiert, aber nein… Es gibt keinen Plan B für gute Leute. Bäcker werden verbraucht. Die sollen ja gar nicht schlau sein, sonst wollen sie in dieser Branche nicht arbeiten, sonst organisieren die sich und rebellieren.
    Zum Schluss die Innung. Eine Katastrophe. Organisation? Nie gehört. Du musst allem hinterher rennen, niemand sagt dir über irgendwas Bescheid. Ich glaube ja, dass die da jeden Tag Picknick machen oder so, was die gearbeitet haben sollen ist mir ein Rätsel. Prüfungseinladungen mit falschen Aufgaben, Gesellenbrief mit falschen Angaben… Ach, vergiss es.

    Zum „Glück“ bekam ich nach einem Jahr Ekzeme an den Händen, für die keine Ursache gefunden wurde, die aber in direktem Zusammenhang mit der Arbeit standen. Ich war dann die letzten 7 Monate der Ausbildung krank geschrieben. Das war auch gut so, sonst hätte ich es abgebrochen. Jeder Tag war eine Qual. Immer wenn der Wecker abends geklingelt hat, dachte ich „Nicht schon wieder…“.

    Ich wünsche dir alles Gute, dass es dir besser ergeht. Mein Erfahrungsbericht soll dich nicht abschrecken, aber heißen: „Sei gewappnet“. Wenn du Glück hast, kommst du in einen guten Betrieb. Vielleicht ist bei euch in Österreich das Bäckerhandwerk auch nicht so verfallen wir hier in Deutschland. Ich drücke dir die Daumen und schicke dir viel Kraft für die Zukunft!

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